Offensive gegen Taliban in Pakistan

Man hätte diesen Artikel auch anders nennen können. “Offensive der Taliban gegen Pakistan”, beispielsweise. Oder “humanitäre Katastrophe in Pakistan”. Doch fangen wir mal am besten am Anfang der Geschichte an.
Am 23. April erschien in der NYT ein Artikel, der sich mit den neuesten Taliban-Offensiven in Pakistan beschäftigte.

Some 400 to 500 insurgents consolidated control of their new prize, a strategic district called Buner, just 70 miles from the capital, Islamabad, setting up checkpoints and negotiating a truce similar to the one that allowed the Taliban to impose Islamic law in the neighboring Swat Valley.

Die Taliban nahmen also Buner ein und versuchten, ein ähnliches Abkommen wie im Swat-Tal abzuschließen, das ihnen weitestgehend Ruhe verschafft hätte und ihnen quasi offiziell erlaubt hätte, ihre Variante der Scharia umzusetzen. Ein Abkommen, das sie im Grunde genommen durch ihre neuen Offensiven gebrochen hatten, auch wenn sie dies nicht so wahrzunehmen schienen.

Doch Pakistan reagierte zunächst vorsichtig, nicht zuletzt wegen dem Erzfeind Indien sowie zahllosen Verbindungen zu den Taliban (im Text werden lediglich familiäre, ethnische und religiöse Bande zwischen Offizieren und den Taliban erwähnt; es existieren aber auch politische und strukturelle Verbindungen):

Yet Pakistani authorities deployed just several hundred poorly paid and equipped constabulary forces to Buner, who were repelled in a clash with the insurgents, leaving one police officer dead.

The limited response set off fresh scrutiny of Pakistan’s military, a force with 500,000 soldiers and a similar number of reservists. The army receives $1 billion in American military aid each year but has repeatedly declined to confront the Taliban-led insurgency, even as it has bled out of Pakistan’s self-governed tribal areas into Pakistan proper in recent months.

The military remains fixated on training and deploying its soldiers to fight the country’s archenemy, India. It remains ill equipped for counterinsurgency, analysts say, and top officers are deeply reluctant to be pressed into action against insurgents who enjoy family, ethnic and religious ties with many Pakistanis.

Die Gefahr wird deutlich, wenn man mit der Aussage konfrontiert wird, “that militants had reached into the Mansehra district, close to the Tarbela Dam, a vital source of electricity to the center of the country.” Damit wären die Taliban gefährlich nah am Zentrum Pakistans.

Nun, das wäre so im großen und ganzen die Vorgeschichte; heute gab es nun Berichte, dass Pakistan reguläre Truppen gegen die Taliban einsetzt.

Paramilitary forces of the Frontier Corps, backed by army helicopters and fighter jets, were involved in the operation, he said. The fighter jets were being used to clock the entrances to the valley, he said. He estimated there were 450 to 500 militants in the district of Buner and said the Taliban had staged a show withdrawal at the weekend and were in fact trying to expand the space they control beyond the valley of Swat.

Die “paramilitärischen Kräfte”, die offensichtlich eingesetzt wurden, sind die “Grenzkorps”, die eine 100 Jahre alte Tradition haben und sich vor allem aus den Ethnien der Grenzgebiete rekrutiert werden.

Doch während Pakistan sich nun endlich gegen die Taliban gewendet hat (wohl nicht zuletzt wegen des massiven Drucks der US-Regierung, aber eben auch aus eigenen Interessen) findet gleichzeitig eine humanitäre Katastrophe statt:
Von 30.000 bis zu einer Million Vertriebenen ist die Rede, sowie von 600.000 Hilfsbedürftigen. Ob da Hilfe schnell genug organisiert werden kann, ist zweifelhaft, ich befürchte, dass nicht nur die Gelder auf sich werden warten lassen sondern dass auch die Logistik gewisse Probleme aufkommen lassen wird.

Weiterhin bleibt fraglich, was für Auswirkungen dieser Konflikt auf die ohnehin schon unstete Innenpolitik Pakistans haben wird – wird die Bevölkerung die Taliban nach den Gefechten stärker unterstützen, oder wird sie sie eher fürchten? Wie wird die Armee wahrgenommen werden, bzw wie wird sie sich präsentieren können? Und werden Verteidigungsexperten der pakistanischen Regierung, des Militärs und vor allem des ISI endlich ihre Wahrnehmung der Taliban in Bezug auf die Bekämpfung von außenpolitischen Konflikten korrigieren?

Immerhin waren die Taliban bisher essentiell in der Verteidigungspolitik Pakistans gegenüber Indien als Bewahrer von Rückzugsraum, potenzielle Rekruten sowie als Bekämpfer jeglicher indisch-afghanischer Annäherungsversuche. Doch wenn die Taliban nun Pakistan so stark zusetzen, wird dann eventuell die Gefahr, die von ihnen ausgeht, höher bewertet als der Schutz den sie evtl bieten könnten?

Hoffen wir es mal. Einer der ersten Schritte für Frieden in der Region wäre es, Pakistan dazu zu bringen, die Taliban und sonstige Terroristen, die die Nachbarn destabilisieren, als gefährlicher einzustufen als Indien. Weitere Schritte wären natürlich eine indisch-pakistanisch-afghanische Aussöhnung sowie Kooperationen – aber bleiben wir mal bei den realistischen Möglichkeiten.

 

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2 thoughts on “Offensive gegen Taliban in Pakistan”

Juhu! Jemand, der nicht bei facebook kommentiert! Oldschool!